No más FARC - das war deutlich!

No más FARC - Demonstration auf der 127
Mein Treffpunkt ist um 12 Uhr an der Kreuzung zwischen der Strasse 127 und der Carrera 7. Verabredet bin ich mit allen Mitbürgern, die von 12 bis 14 Uhr ihre Stimme gegen die FARC erheben wollten. Das Besondere an dieser Veranstaltung: Sie wurde nicht von Politikern, Parteien oder irgendwelchen Vereinen organisiert. Der Aufruf dazu kam von einer Gruppe junger Facebook-Nutzer, die ihren Unmut über die Show um die Freilassung Clara Rojas, Consuelo Gonzales und vor allem des kleinen Emmanuel zunächst über eine Sammlung von Stimmen gegen die FARC via Internet äußern wollten. Schnell kam die Erkenntnis, dass sie einen Nerv getroffen hatten und dass die Demonstration gegen die FARC nicht virtuell im Netz bleiben sollte, sondern auf die Straße gehört.

Wie viele werden wir heute sein? Die Erwartungen sind hoch. Daher haben in den letzten Tagen Politiker und Parteien auf den fahrenden Zug springen wollen und ihre eigenen Aufrufe und Parolen einzubringen versucht. Kurz vor dem Start der Demonstration mussten die Initiatoren des Aufrufs an die Öffentlichkeit treten und die Parteien bitten, diese Veranstaltung nicht zu instrumentalisieren. Sie ist als eine Bewegung der Kolumbianer gedacht, die egal welchen Alters, welcher politischen Ausrichtung auch immer nur eines eint: der Welt zu sagen, dass die Kolumbianer die FARC nicht wollen und diese auch keineswegs die Armee des Volkes oder gar sein legitimes Sprachorgan sind.

“Colombia soy yo - Kolumbien bin ich” war der Schriftzug der weißen T-Shirts, die die meisten Menschen trugen. Besser konnte die Parole in diesem Zusammenhang nicht gewählt worden sein. Kolumbien ist nicht seine Politiker oder Parteien, Kolumbien ist schon gar nicht ein ausländischer Präsident, der den Kolumbianern vorschreiben will, die Bedingungen der FARC zu akzeptieren.

Wie viele werden wir sein? Ich radle um 10:30 los, da ich erwarte, dass doch einige kommen werden. Meine Hoffnungen werden schon wenige Meter von meinem Haus weg mehr als übertroffen. Überall stehen Menschen in weißen Hemden oder T-Shirts, tragen weiße Nelken, gruppieren sich und gehen Richtung Treffpunkt. Mein Fahrrad muss ich 800 Meter vor dem Treffpunkt abstellen. Zu dicht sind hier die Menschenmengen. Für die nächsten 800 Meter benötige ich fast 90 Minuten. 90 Minuten purer Leidenschaft! Um mich herum Menschen aller Altersgruppen. Junge und Alte winken mit weißen Taschentüchern wenn sie “No más FARC - Keine FARC mehr!” rufen. Es kommt aus voller Lunge und vom Herzen, aber die Gesichter der Menschen sind ohne Hass und strahlen Freude und Zusammenhalt aus. Ebenso, wenn sie spontan die Nationalhymne einstimmen, die immer mit Applaus beendet wird. Es ist für alle eine Erfahrung, dass sie die Akteure dieses Tages sind. Ihre friedliche, aber bestimmte Meinungsäußerung sollte in aller Welt gesehen werde. Ich bedauere wirklich, dass das Ausland und gerade das von mir so geschätzte Europa diese Stimmung wahrscheinlich nicht erfahren wird.

“Colombia soy yo”, mir wird bewusst, wie falsch das Kolumbien-Bild im Ausland ist. Für das Ausland ist Pablo Escobar das prägende Bild oder die Schlagzeile, dass in Kolumbien Fußballspieler erschossen werden, weil sie ein Eigentor schießen. Politisch Interessierte denken vielleicht noch, dass die FARC berechtigte Interessen des Volkes vertreten. Zwar mit Gewalt, aber bitte schön, es ist doch für eine gute Sache und außerdem zählt in Kolumbien ein Menschenleben ja nicht viel.

Wer so denkt, sollte heute dabei gewesen sein, in Bogota haben an die 2 Millionen Menschen demonstriert. In Medellin waren es um die 500.000, in den kleinere Städten jeweils zehntausende. Sie alle waren mit viel Freude und vor allem voller Respekt füreinander dabei.

Auch die Bilder aus den anderen Städten rund um den Globus zeugen von der Ernsthaftigkeit, mit der die Teilnehmer ihrer Überzeugung Ausdruck geben und doch gleichzeitig fantasievoll und mit Lebenslust der Welt zeigen: Colombia soy yo! Und Kolumbianer wollen den Frieden.

Ich versuche, mich in die Köpfe der FARC-Führung zu versetzen. Was wird wohl in ihnen vorgehen, wenn sie diese Massen sehen, die alle das gleiche sagen: Colombia soy yo und nicht die FARC. Die Rückseite aller T-Shirts trägt die kolumbianischen Farben mit den Inschriften: Keine Entführungen mehr, keine Lügen mehr, keine Toten mehr, keine FARC mehr. Wie wollen sie weiterhin behaupten, dass sie die legitimen Vertretern der Kolumbianer sind. Sicher, sie haben versucht, im Vorfeld diese Demo als eine vom Staat gelenkte und manipulierte Veranstaltung darzustellen. Sie haben wohl nicht damit gerechnet, dass solche Mengen kommen würden und es keine Ansprachen geben würde. Politiker haben sich einfach ein weißes T-Shirt über gezogen und sind mitmarschiert. Sie waren auch nur Kolumbianer. Manche Beobachter sagen, dass die Ankündigung, drei weitere Geiseln freilassen zu wollen, zeitlich genau gemacht wurde, um den Menschen zu zeigen, dass es keiner Demos bedarf, weil die FARC doch human sind. Sollte es so gewesen sein, könnte diese grobe Fehleinschätzung nur belegen, wie weit die FARC von “ihrem” Volk ist: Keine Lügen mehr! Die Menschen sind unbeirrt auf die Strasse gegangen. Entscheidender noch: Sie haben die Erfahrung gemacht, dass sie wirklich das Volk sind, und scheinen motiviert zu sein, weiterhin auf die Strasse zu gehen, wenn es denn so sein soll.

Das es dazu weiterhin kommen kann, dafür spricht Chávez’ Äußerung, Venezuela grenze nicht an Kolumbien, sondern an die FARC. Diesen Spruch brachte er heute, während einer Erklärung, dass Venezuela bereit ist, die nächsten drei Geiseln von der FARC zu empfangen. Das sagte er, nachdem er die Ausmaße der Demonstrationen der Kolumbianer weltweit kannte. Auch bei ihm in Cáracas wurde demonstriert. Es waren nur einige Hundert Demonstranten, jedoch waren viele von ihnen Venezolaner. Auch bei den Demonstrationen in den kolumbianischen Grenzstädten zu Venezuela kamen hunderte von Venezolaner rüber, um ihre Solidarität zu beweisen. Ob er es mit diesen Sprüchen schaffen sollte, die kolumbianische Ablehnung der FARC zu verdecken? Wohl kaum, aber das ist ein anderes Kapitel.

Dass heute demonstriert wurde und die Kolumbianer ihre friedliche Einheit und Stärke entdeckt haben, das haben wir auch Chávez und seiner unbedachten Show zu verdanken. Ob er versteht, dass er der Funke dafür war, dass weltweit die Kolumbianer diesen Tag als einen der größten ihrer jüngsten Geschichte in Erinnerung behalten werden? Der TAG an dem sie deutlich gesagt haben: Ich bin Kolumbien!

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32 Kommentare zu “No más FARC - das war deutlich!”


  1. 1 André

    Hallo Miguel,

    aus Medellin kann ich berichten, dass es ähnlich bewegend war. Wir sind aus dem Büro raus um mit dem Taxi ins Zentrum zu fahren. Nach nur 300 Metern mussten wir das Taxi verlassen, alles war zu, so sind wir den Weg bis ins Zentrum gelaufen. Mitten in einer weißen, riesigen Schlange aus Menschen. Und ich kann auch aus Medellin bestätigen, dass die Menschen mit einem Lächeln im Gesicht ihre Forderung gestellt haben und kein Zorn zu sehen war. Wollen wir hoffen, dass es ein deutliches Zeichen war.

    Ein paar Fotos von der Demo gibt es hier:
    No mas FARC - Medellin

  2. 2 Svenn

    Hallo,

    da wir zur Zeit in Deutschland sind, haben wir an der Demo in Oberhausen teilgenommen. Leider kann ich nicht von hunderttausenden berichten, der Protestmarsch war übersichtlich. So etwa 200 Menschen waren hier trotz Karnevalstrubel und schlechtem Wetter dabei. Unsere Stimme wurde auch hier gehört, und die Meschen am Wegesrand konnten sich dank der Flugblätter die verteilt wurden nun auch ein bisschen besser informiert fühlen.

    Hoffen wir, dass die, die es hören sollten, nun anfangen nachzudenken!

  3. 3 Timo

    “Allerdings wurde die Aktion von der Familie der französisch-kolumbianischen Farc-Geisel Ingrid Betancourt scharf kritisiert. “Wir verurteilen diese Manipulation. Es ist Propaganda und komplett von der Regierung organisiert”, sagte ihre Schwester Astrid Betancourt.”
    Spiegel Online: http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,533135,00.html

  4. 4 Fragender

    Wer hat eigentlich die T-Shirts und Faehnchen etc bezahlt ?
    Das kostet doch alles Geld, auch die Werbespots im Fernsehen die
    schon lange vor dem 04.02.08 liefen, kosten Millionen.
    Da kann mir keiner erklaeren,das die Aktion spontan war und
    noch dazu von irgendwelchen netten jungen Leuten aus dem Internet
    organisiert wurde.
    So ein Quatsch glaubt auch nur Ihr.
    Gab es eigentlich mal Demonstrationen gegen die AUC,die zig-tausende
    auf dem Gewissen hat und es gibt immer noch mehrere hundert verschwundene Personen deren Schicksal ungewiss ist ?

  5. 5 redblog

    der “fragende” spricht die richtigen sachen an. man braucht sich nur mal anschauen, was dort zum teil für megatranspis zum einsatz kamen. natürlich ist auch Uribe mitgelaufen und die auc hat sich auch ganz dolle über diese demo gefreut. ist doch auch bezeichnend, dass zahlreiche angehörige von verschleppten sich nicht beteiligten und als propaganda bezeichneten. wer sind denn eigentlich die jungen “facebook”-leute?

  6. 6 Anonymous

    Ich war beim Marsch in Bogotá dabei, obwohl mehrere (extrem links gerichtete) kolumbianische Freunde mir nahegelet hatten, nicht am Marsch teilzunehmen, weil ich damit angeblich FÜR die Paras und FÜR die Menschenrechtsverletzungen der Regierung Uribe demonstrieren würde.

    Tja tut mir leid, um drei Ecken zu denken ist nicht so mein Ding! Der Marsch war gegen die FARC, und die Organisatoren haben glaubhaft dargelegt, dass damit NICHT die Paras “legalisiert” werden sollen. Dass Uribe und andere auf den Zug aufgesprungen sind, um für sich selber politischen Profit herauszuschlagen, ist verwerflich, aber für mich kein Grund, die Marschierenden in die rechte Para-Ecke zu stellen! Die wenigen Nachrichten, die auf tagesschau.de und spiegel.de zu lesen waren, haben auch entsprechend differenziert über den Marsch berichtet.

    In erster Linie brachte der Marsch zum Ausdruck, dass eine übergroße Mehrheit der Bevölkerung sich nicht durch die FARC repräsentiert sieht. Alles andere ist Propaganda von Leuten, die den Marsch für ihre eigenen politischen Ziele missbrauchen wollen

  7. 7 Anonymous

    Ach ja noch etwas: Die T-Shirts haben sich die Demonstranten selbst gekauft!! Gab’s schon lange vorher an jeder Ecke zu kaufen! Die Fähnchen wurden großteils von den Firmen bezahlt, deren Mitarbeiter frei bekamen und am Marsch teilnahmen. Von den großen Transparenten, die ich am Sammlungspunkt 72 con 7a gesehen habe, waren die meisten von Hand beschrieben und bemalt.

    Aber für die Redblogs dieser Welt sind die FARC natürlich die Weltretter und alle FARC-Gegner automatisch AUC-Unterstützer.

  8. 8 jo

    Hallo,

    ich finde es nicht gut wie mit den Nachfragen hier umgegangen wird. Ich stelle mir diese Fragen auch und ich denke wir sollten sie gerecht und gewissenhaft diskutieren.

    Allgemein ist es leider Fakt das hier in diesem Blog meist die Guerilla die einzig bösen sind. Mir ist kein Artikel bekannt, der gegen die Regierung oder gegen die Paramilitärs gerichtet gewesen wäre.

    Ich halte die Guerilla sicherlich nicht für die Welteretter! Aber ich sehe schon das sie nicht die einzigen Kriegstreiber und Sündenböcke Kolumbiens sind.

    Während meines letzten Aufenthalt erschien zum Beispiel ein Bericht über den Choco und die amerikanischen Ölpalmplantagen, die auf Gebieten errichtet wurden die zuvor von paramilitärs “frei geräumt” wurden. Hiervon habe ich schon vor ca. 4-5 Jahren gehört! Aber in Kolumbien scheint das jetzt erst Thema zu werden - viel zu spät - und interessiert hat es auch niemanden wirklich! Das ist wirklich sehr schade!

  9. 9 Anonymous

    Es bleibt ja jedem vorbehalten, eine Demo gegen die Paras zu organisieren. Daran würde ich auch teilnehmen! Ich wehre mich lediglich gegen die Vorwürfe, ich und weitere Millionen von Demonstranten wären Handlanger der Paras. Das ist einfach nicht wahr!

    Natürlich gab es auch Missbrauch. Zwischen 11h und 14h war ich dabei und habe in der Nähe der 72/7a in Bogota absolut keine Unterstützung für Uribe ausmachen können. Lediglich ein “Chavez go home!”-Plakat, was natürlich auch nicht zu diesem Marsch gehören sollte. Trotzdem hat eltiempo.com an anderer Stelle einen Uribe-Sprechchor aufgenommen und dieses dann auf der Titelseite ihrer Website als Video präsentiert und damit den Marsch ABSICHTLICH und gegen den Willen der Initiatoren für politische Zwecke missbraucht.

    Und wer die Facebook-Gruppe nicht glaubt, der muss halt selber mal in Facebook reinschauen, um sich zu überzeugen dass es sie gibt, und seit wann es sie gibt.

  10. 10 André

    @Fragender
    Ich habe das Gefühl, du willst nur das sehen, was du sehen willst? Dürfen Kolumbianer nicht auf die Straße gehen, wenn sie etwas fordern?
    Hier gibt es Infos zu den Leuten von Facebook:
    http://www.youtube.com/watch?v=Y-8XdIQBAJQ
    Und eingeladen wurde ich sicherlich 20 mal von meinen Freunden hier in Kolumbien und eine Fernsehwerbung habe ich auch nicht gesehen (hänge aber auch wenig vor der Glotze…)
    Ich kann es nicht verstehen, warum es Einige gibt, die es nicht wahr haben wollen, dass ein Riesenanteil der Kolumbianer (96%) die FARC ablehnt.

    @redblog: würde sich die FARC Riege nicht freuen über eine Demo gegen die Paras, warum macht die Aussagen von im Knast sitzenden, brutalen Verbrechern eine Demo schlechter? Akzeptiere doch einfach die Aussage des Volkes.

    @anonymus: “Aber für die Redblogs dieser Welt sind die FARC natürlich die Weltretter und alle FARC-Gegner automatisch AUC-Unterstützer.” Den Eindruck habe ich auch :-( Ich habe noch zudem nie eine distanzierende Aussage zur FARC gehört …

    @jo: dies ist ein Blog und von daher geben wir hier unsere Meinungen wieder. Ich für meinen Teil kann dir jedenfalls sagen, dass sowohl die FARC als auch die Paras Mörder und Verbrecher für mich sind. Da ist keiner besser als die anderen. Und was die ursprünglichen politischen Ansätze betrifft, so kann ich mich teilweise mit der politischen Einstellung FARC identifizieren. Ich bin jedoch der Meinung, dass Politik im Parlament gemacht wird und nicht mit Drogengeschäften/Entführungen und Morden. Vor ein paar Jahren, wäre ich genauso auf eine Anti-Paras Demo gegangen, aber die Paras sind auf den Friedensprozess eingegangen. Wenn die FARC bei Pastrana auf den Friedensprozess eingegangen wären oder würde sie heute auch “Justitia y Paz” annehmen, dann wäre ich gestern nicht auf der Straße gewesen und dann würden einige Artikel auch nicht so kritisch ggü. der FARC ausgehen. Du kannst gerne mitmachen hier beim Blog, wir wollen nicht links oder rechts stehen sondern über Kolumbien berichten. Wenn du in die Vergangenheit schaust, dann wirst du sehen, dass ich einige male auf zB redblog verlinkt haben, obwohl ich einen anderen Standpunkt habe. Also, wenn du denkst, der Blog ist einseitig, dann kannst du gerne mitmachen, einzige Bedingung um Autor zu sein. Man muss in Kolumbien leben oder einige Jahre hier verbracht haben …

  11. 11 Miguel

    @Fragender: Es ist immer gut Fragen zu stellen. Vor allem wen man bereit ist die Antworten zu hören:
    1 Wer hat die T-Shirts und Fähnchen bezahlt? Jeder einzelne Demonstrant. Ich habe mein Shirt am Samstag auf dem Plaza Bolivar für 10.000 Pesos gekauft. Das ist eine der erstaunlichsten Eigenschaften der Kolumbianer: sie wittern ein Geschäft und sind schnell dabei. Ich weiß nicht wer sich alles wegen der Demo alles einen abgelacht hat, aber ganz sicher die Hersteller und Verkäufer all dieser T-Shirts und Mützchen, Pfeiffen etc. Genauso wie die Getränkeverkäufer, die bei den warmen Temperaturen ein tolles Geschäft gemacht haben. Wer sind diese T-Shirt Hersteller? Nun kleine und mittelständige Betriebe kaufen die in Mengen ein und bedrucken sie.

    2. Die Demo war so spontan, wie etwas spontan sein kann, was einen Monat vorher angekündigt wurde. Aber ihr scheint einen entscheidenden Punkt übersehen zu haben: Die Aufrufer haben DEN NERV getroffen. Nicht das spontane oder nicht spontane dieser Demo ist das entscheidende; dass sie den Nerv getroffen haben machte den Erfolg aus: Colombia soy yo und No más FARC.

    3. Während der ganzen Zeit seit dem ersten Aufruf wurde auch von vielen Seiten die Frage gestellt: warum nur gegen die FARC, warum nicht gegen die Paras oder warum nicht gegen die ELN? Einige haben auch dazu aufgerufen, die Partei Polo Democratico wollte nur marschieren, wenn es denn auch gegen die Paras ginge. Sie konnten sich aber nicht mal selbst einig werden und in ihren Reihen eine Mehrheit dafür finden. So beschlossen sie sich nur zu versammeln und nicht zu marschieren. Aber ihre prominentesten Vertreter endeten auch im Marsch. Diese Demo war nicht für Uribe, auch nicht für die FARC oder gegen Chavez. Es war einzig und alleine der von der FARC seit Jahren so herbei gesehnten Aufstand des Volkes und seine Abstimmung mit dem Füssen. Dumm für die FARC, dass die Mehrheit der Kolumbianer nicht hinter ihnen steht und der gewünschte Volksaufstand in die für die FARC falsche Richtung lief. Genau deswegen wurde gegen die FARC demonstriert: weil eine nicht unerhebliche Zahl der Kolumbianer (96%)der Meinung ist, dass die FARC nicht ihr Sprachrohr ist. No más FARC - Colombia soy yo, das ist ein deutliches Wort. Anders als die ELN nehmen die FARC für sich in Anspruch, die Vertreter der Kolumbianer zu sein.

    @redblog: Ich denke nicht, dass sich die AUC einen abgelacht hat über die Demo. Die sitzen jetzt nämlich hinter Ginter und erwarten ihr Verfahren unter Justicia y Paz ab. Noch einmal ganz deutlich: Justicia y Paz ist keine Gerechtigkeit, es ist ein Instrument, um die kämpfenden Parteien in Kolumbien zu einem Waffenstillstand zu bewegen. Justicia y Paz steht auch den Guerilleros zu, die unter dessen Bedingungen die Waffen niederlegen, nicht nur den ehemaligen Paras, der AUC.

    Ihr fragt, warum es keine Demo gegen die Paras gibt? Nun dafür kann es mehrere Gründe geben:

    1. Die AUC gibt es so nicht mehr, da sie sich unter Justicia y Paz übergeben haben.

    2. Dies ist die erste Demo gegen eine der illegalen Gruppierungen. Es war lange an der Zeit, dass solch ein Aufstand geschehen sollte. Warum die Kolumbianer jetzte auf die Strasse gehen? Nicht weil sie irgendwelche jungen Leute über Internet dazu aufgerufen haben oder Uribe ihnen Steuererlass dafür versprach. Sie gingen auf die Strasse, weil die Geiseln ihnen vorgehalten haben, dass die Gesellschaft sie vergessen hat. “Einzig die Untätigkeit der Gerechten genügt für den Sieg des Schlechten”. Die Briefe der Geiseln an ihren Angehörigen flehen, dass wir als Gesellschaft nicht gleichgültig zu schauen. Redblog, nehme es uns nicht übel, aber die Geiseln von denen wir sprechen sind nun einmal in den Händen der FARC. Und seit Jahrzehnten lügt die FARC den Kolumbianern was vor, dass sie Geisel bald freikommen, wenn es der Staat nur will. Seit Jahrzehnten, also auch vor Uribe. Das gleiche Spiel haben sie auch mit den Vorgängern Uribes gemacht. Die Europäer hat es nicht interessiert, die Kolumbianer es in der ersten Reihe mitbekommen.

    In Kolumbien sind schätzungsweise 3000 Menschen in Geiselhaft. Wir wollen sie alle frei sehen. Am Montag ging es gegen die FARC. Es wird nicht genug sein, dass sie ihren Anteil an Geiseln frei lässt. Es geht gegen die FARC. Sie sollen sich eingliedern, auflösen, in den Dschungel verziehen, was auch immer, aber die Kolumbianer wollen sie nicht mehr sehen, hören, riechen über sie nachdenken müssen. Sie sollen die Geiseln frei lassen, aufhören zu entführen, Bodenminen zu legen, Terror zu verbreiten und und internationaler Bühne davon reden, wie sehr Kolumbien sie braucht, denn die Kolumbianer (96%) sind da ganz anderer Meinung.

    @redblog: Glaubst Du ernsthaft, die FARC lassen Ingrid frei? Warum den, sie ist ihr Garant auf der politischen Weltbühne sich noch zeigen zu dürfen. Warum lügt uns also die FARC an, und verspricht was sie nicht halten will oder kann? Einen Tag lang haben sie versucht uns zu erzählen, dass es dank der Lügen der Regierung nun zwei Emmanuels gäbe. Unverschämt, da macht es nicht besser, dass sie am nächsten Tag zugegeben haben, dass das Kind in Bogotá doch Emmanuel ist. Natürlich sei es von Uribe entführt worden, aus den Armen der treusorgenden FARC, die das Kind so wohl behütete, dass es ihr entgangen war, dass sie es nicht mehr haben. Füllst Du Dich ernst genommen, wenn Dir jemand so etwas erzählen will? Jemand der außer Leid nicht viel mehr bringt? Sage mir doch, welche politischen Großprojekte die FARC hat und wie sie das von ihr ausgemachte Elend der Bevölkerung lindern will. Zeig mir doch die blühenden Landschaften in den Gebieten, die sie angeblich kontrolliert. Eben, diesen Nerv haben die Veranstalter getroffen.

    Kolumbien, das ist ein Land in dem noch große soziale Ungerechtigkeit herrscht. Auch für meinen Geschmack vernachlässigt Uribe die Sozialpolitik. Aber ich kann es nicht abstreiten: warum soll er das Leben oder die Gesundheit eines Lehrers oder eines Agrartechniker auf´s Spiel setzen und sie in die benachteiligten und entlegenen Regionen schicken, wo Bildung und technisches Wissen fehlen, nur damit die FARC kommt und sagt: “Super, Du arbeitest für den Staat? Na dann komm mal gleich mit, mal sehen, was Uribe für Dich springen lässt.” Dass es den Leuten in den Guerilla Gebieten so schlecht geht, dass verdanken sie auch der FARC. Genauso wie die FARC sich Uribe eingebrockt hat. Über Jahrzehnte habe sie Regierungen und Gesellschaft verarscht, so dass die Wähler dankbar zum Hardliner gelaufen sind.

    Colombia soy yo - No más FARC, das hat den Nerv getroffen

  12. 12 paz

    Zuerst mal danke für diesen blog und damit für die möglichkeit sich über kolumbien auszutauschen. Leider bin ich zurzeit nicht dort und konnte mir kein bild des marsches vor ort machen. auf jeden fall ist es beeindruckend, dass in so kurzer zeit, sich so viele menschen mobilisieren liessen. auch wenn ich dieser demonstration kritisch gegenüberstehe - sie ist absolut legitim, nur schon der volkspsyche wegen. es wurde ein zeichen gesetzt und jetzt kann man weiter schauen. es scheint zur ironie der logik zu gehören, dass gerade der momentan in kolumbien verabscheute hugo chávez de fakto der auslöser dieses aufmarsches war. der auslöser für eine bewegung kommt meistens vom “feind”.
    No más farc! Das klingt sehr pathetisch und drückt ein traum aus aber gleichzeitig eine illusión. Denn die farc ist teil kolumbiens. ein schmerzhafter aber auch einer der zur geschichte gehört. die kann nicht einfach weg sein. doch, sie könnte bereits weg sein aber die gelegenheiten wurden nicht wahrgenommen, aus vielerlei gründen. wer die möglichkeit nutzt, wirklich das ganze land zu bereisen, auch orte, von denen einem abgeraten wird, merkt schnell wie weit dieses land von einem freiheitlich-demokratischen und funktionierenden rechtsstaat entfernt ist. die provinzen sind teils derart abgeschnitten und vergessen, dass sie absolut korrumpierbar sind und zum spielball verschiedenster interessen werden. wer mit leuten spricht aus verschiedenen parteien bekommt ein bild über die riesigen ausmassen des einflusses aus dem drogenhandel in der politik. die leute haben sich daran gewöhnt, die haben spass am leicht verdienten geld und sind auch bereit die leute wegzuschaffen, welchen ihnen diese aussichten vermiesen. andere zahlen: 81,2% der staatsbeamten sind angehörige von staatlichen sicherheitskräften. die militärausgaben belaufen sich auf 6,32% des BIP (USA 4,04%) 65% aller nationalen investitionen fliessen in die armee. sie sind höher wie jene in Gesundheit, Bildung und Wasser-versorgung, Abwasser- und Kehrichtentsorgung. Laut Uribe gibt es nur noch 12′499 Guerilleros. Sie erhöhen jedoch laufend die Ausgaben, obwohl es angeblich keinen krieg gibt. ich möchte hier keinen vortrag halten, ihr wisst das ja sicher alles schon lange. ich möchte auch keine utopien aufstellen, ich frage mich einfach: farc, militärstaat, narcos, paras - ist das nicht eine symbiose? die leben voneinander. also aufhören mit No mas farc = paz!! das ist naiver schwachsinn!!!

  13. 13 Miguel

    Hallo Paz,

    die von Dir genannten Fakten sind richtig. Aber Fakten sind einfach nur Fakten. Es kommt darauf an, wie man etwas sehen will. Ist ein Glas halbvoll oder halbleer? Fakt ist, dass das Glas zu 50% mit Flüssigkeit gefüllt ist.

    In Kolumbien wissen alle, dass zum Frieden viel mehr gehört, als nur die Auflösung der FARC. Soziale Gerechtigkeit, gleiche Chancen auf Bildung und Arbeit gehören unter vielen anderem dazu.

    Ein rießiges Problem all diese dringenden Sachen anzugehen, ist der schnelle Reichtum des Drogengeldes. Leider können die Kolumbianer diesen Kampf alleine nicht führen und gewinnen. Solange die Absatzmärkte jeden Preis zahlen, wird sich in den Drogen produzierenden und liefernden Ländern nichts ändern. Deswegen hört der Drogenhandel nicht auf, weil die Escobars der Welt zur Strecke gebracht werden. Auch Europa ist gefordert.

    Vielleicht erleichtert es den Europäern ihre Verantwortung zu überdenken, wenn sie erfahren, dass die Kolumbianer nicht alle Escobars Kinder sind und dass wir von der zur Zeit mächtigsten Drogenbande, der FARC, genug haben.

    Wenn wir sie weg haben, können wir uns der nächsten Aufgabe stellen, die Agenda ist lang. Es ist richtig, die FARC gehören zu Kolumbien wie das Kokain. Es ist aber sicher kein naiver Schwachsinn, wenn sich Kolumbianer für eine Zukunft ohne Drogen, FARC, ELN, PARAS usw. einsetzen.

    Es war wichtig und gut für die Volksseele, dass sich die Kolumbianer durch die massenhafte Teilnahme bestätigt haben, dass sie in diesem Punkt einer Meinung sind. Das ist der erste Schritt. Einigkeit macht stark und diese Gefühl war das Besondere dieser Demos.

  14. 14 Christian

    Hallo

    Hm, auch wenn die Diskussion etwas für sich hat… wenn die Demo nur ein wenig etwas bewegt hat, hat sie genützt.

    Christian

  15. 15 Svenn

    Hallo Fragender und alle anderen die Wissen wollen wo z.B. die T-Shirts herkommen, so gehts:

    1. http://www.colombiasoyyo.org
    2. Vorlage ausdrucken
    3. ausgedruckte Vorlage auf T-Shirt bügeln
    4. T-Shirt anziehen
    5. fertig

    Also keine Herxerei und kein Sponsoring von Paras, Uribe oder sonst wem.

    Und da dieses Anliegen ein Anliegen ist, dass weite Teile der Gesellschaft (96% - in Worten: sechsundneunzig Prozent) unterstützen kamen so sicherlich auch kostenlose Sendeminuten im TV zu stande.

  16. 16 Dario Gomez

    Ich war auch hier in Hamburg zur Demo hingegangen. waren etwa 60 Menschen die gegen die Lügen und Terror der farc protestiert haben. Es war aber auch sehr deutlich zu sehen, wie die Propagandastrukturen der farc-Bande in Europa aktiv sind. Die Polizei musste eine Gruppe randalierenden, zum Teil deutsche Staatsangehöriger, mit “antimotin” Einheiten zurückhalten. Sie wollten uns einfach überrennen, Sache die die Polizei sehr gut in den Griff bekamm. Es war sehr schön zu sehen, dass mehrere venezolanische Brüder auch zur Demo gekommen waren. Insgesammt waren 2 Stunden mit kerzen, National Himmne, Lessung des Communiqués der Organisatoren und einfachen Gesprächen und mit der unmissverständlichen Botschaft an die kriminellen und feigen farc: wir wollen sie nicht, sie sind nur verbrecher, sie repräsentieren NICHT das Volk!!!!

  17. 17 Eddi

    Der weltberümte kubanische Schlagzeuger Horacio “El Negro” Hernandez (www.elnegro.com) hat heute ein zweiwöchiges Seminar an der Musikschule “Fernando Sor” in Bogotá beendet. Das Abschiedskonzert zusammen mit kolumbianischen Lehrern der Musikschule nahm er zum Anlass, um folgendes zu sagen:

    “Es macht mich stolz, dass ich während meines kurzen Aufenthalts meine kolumbianischen Brüder und Schwestern in einem historischen Ereignis unterstützen konnte, dem Marsch vom 4. Februar.

    (Rede wird von spontanem Publikumsbeifall unterbrochen)

    In über 140 Ländern hat dieser Marsch stattgefunden, und es erfüllt mich mit Scham (verguenza), dass mein Land nicht dazuzählt. Ich möchte Euch versichern, dass dies lediglich die Meinung der kubanischen Regierung darstellt, dass aber mein Volk anderer Meinung ist und Euer Volk unterstützt.”

    Langer Beifall aus dem Publikum, das zu 99% aus Musikstudenten besteht.

  18. 18 Carlo

    Wer Kolumbien, dieses sehr schöne und auch an sich sehr reiche Land Südamerikas zwischen dem Atlantik und dem Pazifik kennt und nicht blind oder taub ist, der weiß was hier leider so abgeht.

    Natürlich mag zweifelsfrei KEINER die FARC, logisch … und auch keiner mag Geiselnahmen! Deren Existenz muß doch ganz einfach jeder, auch nur halbwegs zivilisierte, Mensch ablehnen!

    Aber die FARC ebenso wie die ELN und auch die PARAS wie auch die vielen, vielen sonstigen Kriminellen sind leider Produkte dieser doch recht seltsamen Demokratie hierzulande, die offensichtlich schon eher mit einem Militär- oder Polizeistaat zu vergleichen ist. Die Politiker hierzulande nehmen bis auf ganz wenige Ausnahmen die Interessen und die Belange der Reichen wahr und kümmern sich doch höchst wenig um die vielen, vielen Armen, die in der Regel nur als billige Arbeitskräfte gesehen werden und dies auch bleiben sollen. Möglichst wenig und schlechte Bildung und Erziehung für die Armen! Deshalb schicken z.B. hier alle, die es sich leisten können, ihre Kinder auf Privatschulen. Umgekehrt wie in Deutschland zählen hier private Abschlüsse und nicht die staatlichen.

    Das kolumbianische Fernsehen ist praktisch gleichgeschaltet und dort wird gelogen und verdreht und kaum ein Beitrag ist ohne Nationalfahnen, Miltär oder Polizei. Es erinnert mich eindeutig schon an die NS-Zeit und an staatliche Propaganda.

    Wer Geld hat , der kann sich vom Wehrdienst freikaufen. Überhaupt mit Geld ist alles machbar und Recht und Gesetz sind weniger interessant.

    Es ist mir unerklärlich, daß der Präsident des Landes in sechs Jahren keine Verhandlungen mit den Rebellen führt, aber statt dessen immer mehr Waffen kauft und aufrüstet, gerade erst sind wieder von der Regierung 13 Kampfflugzeuge in Israel bestellt worden, Angeblich, weil die FARC so moderne Waffen hat. und bis zum Jahr 2010 soll auf jeden Fall die Truppenstärke um einige Tausend Mann erhöht werden!

    Die Geschichte und die Erfahrung lehren aber gerade, daß es immer besser ist mit fairen ehrlichen Verhandlungen und mit Diplomatie aller Beteiligter, Konflikte zu lösen, und nicht mit Waffengewalt! Natürlich gehört dazu auch die erforderliche Kompromißbereitschaft. Dies muß auch für Kolumbien gelten, auch wenn es hier praktisch schon seit Jahrhunderten, aufgrund der hier herrschenden gravierenden sozialen Unterschiede und Ungerechtigkeiten, bürgerkriegsähnliche Zustände gibt!

    Kolumbien ist in allem doch viel reicher als vergleichsweise Deutschland! Die Reichtümer des Landes müssen nur auch entsprechend vernünftig genutzt und gerecht verteilt werden.

    Mit mehr Bildung und mit besserer Erziehung aller Kolumbianer, sowie mit mehr Toleranz sollte es einer weisen und sozialbewußten demokratischen Führung kein übermäßig großes Problem sein, diesem herrlichen Land endlich Frieden, Freiheit und Wohlstand für alle zu geben und damit den Rebellen und Kriminellen deren “Nahrung” zu entziehen!

    Deutschland ist doch auch nach dem Ende des grausamen Krieges innerhalb nur weniger Jahre aus Schutt und Asche neu erstanden! Und wenn die Politiker Kolumbiens es ernsthaft und ehrlich wollen, dann werden sie das Volk auch dahin bringen können.

    Ich wünsche diesem wunderschönen und interessanten Land Kolumbien und seinen Bürgern einen dauerhaften FRIEDEN, denn den haben ausnahmslos ALLE KOLUMBIANER mehr als verdient!

  19. 19 Svenn

    @ carlo

    ich will dir gar nicht widersprechen, das meiste was du schreibst ist, für sich genommen, meiner meinung nach vollkommen schlüssig und richtig.

    daher möchte ich dir nur eine frage stellen:
    warum hat es bei uribes vorgänger pastrana keinen erfolg mit der farc gegeben? - er hat der farc ein riesieges gebiet zur verfügung gestellt in dem der kolumbianische staat praktisch nicht mehr präsent war… - wenn dies keine aufrichtige verhandlungsgrundlage im sinne der farc war, was soll es denn noch sein?

    pastrana hat mit den von dir eingeforderten fairen ehrlichen verhandlungen und mit diplomatie also offensichtlich keinen erfolg gehabt, die bevölkerung hat nicht von seinen zugeständnissen an die farc profitiert. die erfolge uribes sind jedoch in nackten zahlen belegbar. diese zahlen mögen zwar geschönt sein, aber wenn du mit den menschen auf der strasse sprichst, wirst du hören, dass eben nicht nur von den elitären wohlstandskolumbianern erfolge testiert werden.

  20. 20 Carlo

    Es stimmt, daß Prräsident Uribes Vorgänger Pastrana damals erfolglos Verhandlungen mit der FARC geführt hat. Aber ist denn eine(dauerhafte?) „Aufteilung“ Kolumbiens in mehrere „Interessensgebiete“ überhaupt sinnvoll und wollen die Kolumbianer das? Ich denke, nein. In der Vergangenheit sind von dem urprünglich von Simon Bolivar geschaffenen Gran Colombia ex Nueva Granada durch Bürgekriege Gebiete abgetrennt bzw. von der jeweiligen kolumbianischen Regierung „verkauft“ worden(z.B. Panama).

    Es muß eine Lösung der ursächlichen Probleme gefunden werden. Der Präsident muß stark genug sein und den Willen haben, der Präsident aller Kolumbianer zu sein und die Interessen ALLER vertreten und gegfs. auch durchsetzen! „Hand aufs Herz“ und markige Sprüche allein genügen da nicht! Anders wird es nie funktionieren. Wie? Im alten Europa, in der EU, gibt es doch nun wirklich genügend gute Beispiele! Auch wenn diese nicht von heute auf morgen auf Kolumbien übertragbar sind. In Deutschland wäre doch sowohl ein Chavez als auch ein Castro chancenlos aber auch nicht erforderlich. Eine uniformierte Rebellenarmee wäre dort ebenfalls realitätsfremd, ja schon aufgrund der dortigen sozialen und politischen Struktur allein, undenkbar, behaupte ich.

    In Kolumbien geht auch heute, wie eh und je, die Angst um und ein jeder misstraut jedem und versucht sich aus dieser Furcht heraus mit gewaltigen Rechas schützen! Diese Art der „Freiheit“ ist für jeden Europäer gewöhnungsbedürftig und befremdend. Aber ohne die Beseitigung der wahren Übel und Ursachen wird es weder eine soziale Gerechtigkeit noch Wohlstand für alle Kolumbianer geben, auch selbst dann nicht, wenn die FARC gemäß dem Wunsch des Präsidenten mit Waffengewalt und entsprechender amerikanischer Hilfe „ausgelöscht“ werden sollte.

    Es ist doch wirklich schon sehr seltsam, daß im demokratischen Kolumbien fast allabendlich der Herr William Brownfield in den Nachrichten das Wort ergreift. Im souveränen und demokratischen Deutschland hingegen kenne ich nicht einmal den Namen des amerikanischen Botschafters!

    Aber für heute hoffe und wünsche ich, dass die 4 angekündigten Geiseln nun endlich ihre langersehnte und längst überfällige Freiheit erhalten!!!
    Das gilt natürlich entsprechend genauso für Ingrid Betancourt, aber selbstverständlich auch für die vielen anderen, nicht wohlhabenden, Kolumbianer die sich in der Hand der FARC oder anderer linker oder rechter Rebellengruppen befinden.

  21. 21 Eddi

    Hallo Carlo,

    Deine Ansichten wird wohl jeder vernünftige Mensch unterschreiben. Nur die wenigsten wünschen sich Mord- und Totschlag, das ist klar. Trotz aller guten Absicht deinerseits schimmern aber zwei Dinge bei Dir zwischen den Zeilen durch:

    1) Die Guerrilla existiert, weil das soziale Gefälle in Kolumbien so groß ist.

    Das kann man so sehen, allerdings gab es ja auch im reichen Wohlfahrtsstaat Deutschland eine “Rebellenorganisation”, die Entführung und Mord für legitime Mittel zur Durchsetzung ihrer Politik hielt. Und in anderen noch ärmeren Ländern gibt es keine Guerrilla; also diese oft angeführte Zusammengehörigkeit von “Armut führt zu Rebellion mit Gewaltanwendung” überzeugt mich nicht; und erst recht nicht, wenn man erkennt, dass die FARC die Rechte der Armen gar nicht vertreten (und die Paras natürlich auch nicht).

    2) Nur Verhandeln kann Ergebnisse bringen, nicht Härte.

    Zu dem Thema ist schon alles gesagt worden in diesem Forum, aber anmerken möchte ich noch: Es scheint mir auch eine Frage zu sein, ob man grundsätzlich dem Staat das Gewaltmonopol absprechen will. Meiner Meinung nach benötigt der Staat das Gewaltmonopol, um die geltenden Gesetze durchsetzen zu können und Verbrecher ihrer Strafe zuzuführen. Es mag auch Leute geben, die es bevorzugen, dass Polizisten keine Waffen tragen sondern einen Kriminellen dazu überreden müssen, freiwillig ins Gefängnis zu gehen.

    Zu Deinem vorigen Beitrag wollte ich noch sagen: Der Gesetzgeber arbeitet nicht nur in Kolumbien den Reichen zu, sondern in ganz Lateinamerika, Afrika und Russland, und in etwas weniger offensichtlicher Form auch in USA und EU. Und ich muss Dir leider widersprechen, was Deutschland angeht: Ich sehe Deutschland bei weitem nicht als demokratisches Vorbild für die Welt, und auch die Presse ist in Deutschland nicht weniger “gleichgeschaltet” als in anderen Ländern. Die Augen öffneten mir russische Freunde, als ich für einen Monat auf Russland-Tournee war, da habe ich die Welt mal aus einem ganz anderen Blickwinkel kennen gelernt, ohne dass ich mir gleich die Putin-Brille aufgesetzt hätte…

  22. 22 Carlo

    Ein guter Tag für Kolumbien und für alle Kolumbiamner!
    Es war heute für mich wirklich schon sehr ergreifend im TV live zu sehen, wie die 4 kolumbianischen Geiseln ENDLICH nach langen Jahren von der FARC übergeben und von ihren Angehörigen empfangen wurden! Ein Beweis dafür, daß mit Verhandlungen positive Ergebnisse möglich sind.

    Hallo Eddi,
    vorab vielen Dank für die vernünftige Kritik, auch wenn ich nicht in allem Deiner Ansicht bin.

    Also zu Deinem Punkt 1 möchte ich bemerken:
    ich denke nicht, dass man die damalige RAF(Rote Armee Fraktion) keinesfalls mit der FARC vergleichen kann. Es waren doch nur ganz wenige, irre Fanatiker(Mörder), die den vorbildlichen Sozialstaat Deutschland zerstören wollten und die in der Bevölkerung logischerweise auch keinen Rückhalt haben konnten.
    Kolumbien ist, wie bereits erwähnt, ein insgesamt reiches Land, wo bei vernünftiger und weitsichtiger Politik ALLE Kolumbianer in Zufriedenheit und Wohlstand leben könnten.
    In einem armen Land hingegen gibt es auch weniger „zu verteilen“ daher auch weniger Möglichkeiten für Rebellen. Die unzufriedenen Menschen ziehen es vor in ein reicheres Land überzusiedeln. Beipiele dafür gibt es viele.Und Recht und Gesetz in Kolumbien? Gut es gibt gute, sogar sehr gute Gesetze, die leider aber zu oft nicht eingehalten werden. Vergehen werden vielfach nicht geahndet. Aber ohne die Einhaltung von Gesetzen kann KEINE Demokratie funktionieren!

    zu Punkt 2:
    zumindest sollte AUFRICHTIGES VERHANDELN der erste, Gewaltanwendung aber der LETZTE Schritt sein und NIEMALS umgekehrt! Ich denke, da haben gerade die Deutschen aus der Vergangenheit gut gelernt! Natürlich darf das Gewaltmonopol des Staates nicht in Abrede gestellt werden, voll und ganz stimme ich dir da zu und ich habe nie das Gegenteil behauptet. Doch wehre ich mich dagegen, wenn ein Staat seine Verbrecher an ein anderes Land(welches nachweislich foltert, die Todesstrafe hat, seine kriminellen Militärs hingegen in keinem Fall dem internationalen Tribunal in Den Haag überstellt)ausliefert. Solch ein „demokratisches Verhalten“ gibt es weder in Deutschland noch sonst wo in Europa und mir ist kein souveräner Staat auf der Welt bekannt, der sich diesbezüglich wie Kolumbien verhält. Nein, das lehne ich ab den da ist weder demokratisch noch eines souveränen Staates würdig, zumal wenn man bedenkt, daß Kolumbien relativ mehr als DOPPELT soviel Militär und Polizei als Deutschland hat!
    Natürlich müssen Polizisten und Militärs ihre Waffen tragen und diese auch, wenn erforderlich, im Rahmen der Gesetze einsetzen. Aber sie müssen gut ausgebildet sein sich dabei auch nicht gegenseitig umbringen, was in Kolumbien nicht selten der Fall ist. Ich erinnere nur an einen Vorfall vor ca. zwei Jahren, als 27(!) kolumbianische Soldaten sich gegenseitig umbrachten und für diesen tragischen Vorfall von der demokratischen Regierung Kolumbiens dann natürlich zunächst, wie sooft, die FARC dafür verantwortlich gemacht wurde.

    Der Schluß Deines Beitrags gehört eigentlich ja nicht zum Thema, aber egal, ich möchte kurz darauf eingehen: Dein Vergleich Deutschlands mit Rußlands verwundert mich, wenn es in Russland mehr Pressefreiheit gibt und es dort demokratischer zugehen soll. Aber persönlich kenne ich die dortigen Verhältnisse nicht und aus den Medien ist mir genau das Gegenteil bekannt. Zum ersten Mal muß ich die Behauptung zur Kenntnis nehmen, daß Rußland ein Musterbeispiel für Demokratie sei.

  23. 23 Eddi

    Hallo Carlo,

    die FARC hat fast genausowenig Rückhalt in der Bevölkerung wie die RAF. Unter allen Menschen, die ich in den letzten sechs Jahren in Kolumbien kennengelernt habe, hat mir gegenüber nur einer Sympathie für die angeblichen Ideale der FARC geäußert. Hingegen haben mich schon mehrere Kolumbianer darauf angesprochen, was für asoziale Europäer “Spenden” an die FARC schicken (wegen dem Prozess in Dänemark), da sind viele Kolumbianer ganz schön sauer drüber. Und die 16.000 Kämpfer der FARC stehen ja auch nicht hinter der Sache, vielmehr muss in den entsprechenden Gebieten jede Familie mindestens einen Sohn/Tochter der Guerrilla zur Verfügung stellen.

    In den Familien zweier Ex-Freundinnen von mir sind jeweils mehrere Familienmitglieder Opfer von FARC-Entführungen gewesen, die aber alle durch Zahlung von Lösegeld glimpflich ausgingen. Diese Familien wollen von Verhandlungen nichts mehr wissen… Ich sage nicht, dass man deswegen nicht verhandeln sollte, aber die zunehmende Ungeduld eines Großteils der Bevölkerung kann ich schon nachvollziehen.

    Nee, also Russland habe ich nicht als vorbildliche Demokratie bezeichnet. Ich glaube einfach nur, dass Deutschland nur minimal besser ist. Da sich in Deutschland immernoch die Mehrheit eine Wohnung, ein Auto und einmal im Jahr Mallorca leisten kann, ist den Leuten doch scheißegal, was politisch abgeht. Dass 1&1 z.B. allen Kunden die Verträge gekündigt hat, die islamkritische Karikaturen auf ihrer Homepage hatten, was hat denn das mit Meinungsfreiheit zu tun? Da halte ich es mit einem russichen Bekannten von mir, der mir sagte: “Eure tolle Pressefreiheit in Deutschland, die spielt sich genau zwischen ARD und ZDF ab.”

  24. 24 Jens

    Hallo Carlo, hallo Eddi,

    sehr interessante Ansichten, dir Ihr hier äußert. Und die ich auch kommentieren möchte:

    Zuerst ein ganz wichtiger Satz von Carlo: “zumindest sollte AUFRICHTIGES VERHANDELN der erste, Gewaltanwendung aber der LETZTE Schritt sein und NIEMALS umgekehrt!”

    Anders geht es auch gar nicht, das ist den Parteien dieses Konfliktes aber nicht allzu oft eingefallen. Hierzu sollte man sich das Verhalten der Guerrilla unter den Regierungen Pastrana oder Betancur und das Verhalten der aktuellen Regierung Uribe anschauen. Meines Erachtens spielten beide zum gegebenen Zeitpunkt auf die militärische Karte, wohlwissentlich, dass diese “Lösung” des Konflikts seit 40 Jahren gar keine Lösung ist. Ein AUFRICHTIGES VERHANDELN sehe ich zu diesem Zeitpunkt bei keinem der Beteiligten.

    Andererseits Eddi, kann es weder darum gehen, ein Gewaltmonopol des Staates infrage zu stellen, noch darum, die Anzahl der Toten auf der einen oder anderen Seite als “Erfolge” der staatlichen Friedensbemühungen zu verkaufen.

    Der Aussage, dass Deutschland auch für Kolumbien ein Beispiel an Demokratie sein kann, würde ich sofort zustimmen. Hierbei vergesst Ihr aber alle, auf welchem Weg Deutschland dorthin gekommen ist. Die Deutschen wurden nämlich zu dieser Staatsform geprügelt, dieser Staat entstand aus den Ruinen eines im Krieg zerstörten Faschistenastaates. Aus eigenen Stücken und eigener Kraft hätten die Deutschen das wahrscheinlich nicht geschafft. Ich wünsche, dass wir uns alle darin einig sind, dass das nicht der Friedensweg für Kolumbien sein sollte.

    Abgesehen davon, ob ein Staat demokratisch ist oder nicht, in jedem Land wird es Menschengruppen geben, die mit ihrem Staat nicht einverstanden sind. Ob es RAF, Abtreibungsgegner, Sekten oder politisch links- oder rechtsorientierte Gruppierungen sind, ist solange egal, wie sie sich an die Regeln der Demokratie und eines friedlichen Zusammenlebens halten. Aber insbesondere kleine Gruppierungen wie die RAF profitieren von Gewaltaktionen, weil sie so ihre “message” (tschuldigung) leichter an die Öffentlichkeit transportieren können. Das dürfte ein gewaltiger Unterschied zu einem Land wie Kolumbien, oder Lateinamerika insgesamt sein, in dem Guerrillagruppen (auch die FARC) tatsächlich auf dem Boden sozialer Ungerechtigkeit entstanden sind.

    Was die Pressefreiheit angeht, gibt es zwischen Deutschland und Lateinamerika doch noch einen gewaltigen Unterschied. In Venezuela, auf Cuba oder in Kolumbien werden nicht regierungskonforme Informationsorgane durch Drohungen, Morde oder Verbote stillgelegt, die Informationspolitik ist einseitig. In Deutschland sind immerhin Information und Desinformation durch alle politischen Parteien, von ganz links bis ganz rechts, möglich und jedem Bürger zugänglich: Es gibt schließlich nicht nur ZDF, ARD und Bild-Zeitung. Der einzelne Bürger hat die Wahl, ob die Argumentation mehr oder weniger in sein eigenes Weltbild passt oder nicht. Insofern sehe ich hier auch einen gewaltigen Unterschied zu Lateinamerika oder Russland, wo allein schon das Informationsangebot sehr einseitig ist.

  25. 25 Carlo

    Hallo Jens,
    ich kann Deinem Beitrag nur voll und ganz zustimmen!

  26. 26 Steffen

    Der Vergleich zwischen Deutschland und Kolumbien hinkt nicht nur, er ist querschnittsgelähmt. Deutschland entstand auch nicht aus den Trümmern des Dritten Reiches. Es gab ja auch vor dem Dritten Reich eine Demokratie.

    @ Eddi: da frage ich mich, welche Leute Du in Kolumbien kennengelernt hast. Die Aufstandsbewegungen haben ihren Rückhalt in der Bevölkerung! Nur halt nicht in den Kreisen, in denen Du Dich bewegst.

    Genauso wie hier Erfahrungen von Entführungsopfern angeführt werden, könnte man (noch viel mehr) Erfahrungen von Opfern des Staates und der Paras anführen.

  27. 27 Eddi

    Hallo Steffen,

    eine Ex-Freundin von mir (Kolumbianerin) ist Psychologin und betreut in Ecuador für ACNUR (Flüchtlingskommissariat der UNO) kolumbianische Flüchtlinge. Die Menschen, die mit nichts weiter als ihrem nackten Leben in Ecuador Zuflucht suchen, können oftmals überhaupt nicht auseinander halten, ob ihre Familienmitglieder von Paras oder Guerrilleros umgebracht oder von wem sie gefoltert und vergewaltigt wurden. Zwar gelten die Paras als die brutalste Partei im Bürgerkrieg, aber auch Ex-Guerrileros berichten, dass sie im Zweifelsfall auch mal eine ganze Familie umbringen, wenn sie nicht mehr unterscheiden können, auf welcher Seite die einzelnen Familienmitglieder stehen.

    Es gibt schon Kolumbianer, die von den angeblichen kommunistichen Zielen der FARC überzeugt sind. Aber ein “Rückhalt in der Bevölkerung” würde für mich bedeuten, dass mindestens 20% der Bevölkerung mit den FARC sympathisiert, oder sagen wir mindestens 20% der ländlichen benachteiligten Bevölkerung. Das kann ich aber nicht bestätigen. Ich helfe ehrenamtlich bei einer Stiftung, die in betroffenen Gebieten wie dem Putumayo Veranstaltungen in der Bevölkerung durchführt z.B. Theatergruppen, in denen die Menschen nachspielen, was sich in ihren Dörfern ereignet hat und wobei sie lernen sollen, keine Gewalt anzuwenden. Oder wobei sie selber herausfinden sollen, dass Frauen und Kinder auch Grundrechte haben. Diese armen Menschen, alle direkte Opfer des “conflicto armado”, haben von den angeblichen “politischen” Zielen der FARC überhaupt keine Ahnung. Für die gibt es mehrere bewaffnete Gruppen, die mit Hilfe größter Brutalität ihre Region kontrollieren wollen und sich durch Entführungen und auch Drogenanbau und -handel finanzieren.

    Ich bin nicht allwissend und von mir aus mag es mehr FARC-Sympathisanten geben, als ich es einschätzen kann. Aber mir vorzuwerfen, ich würde nur mit den Uribe-Wählern aus der Oberschicht abhängen, finde ich schon ziemlich gewagt. Erst recht von jemandem, der mich und meinen Lebenswandel überhaupt nicht kennt.

  28. 28 Steffen

    @ Eddi:

    interessanter Beitrag!

    Ich wollte Dich keineswegs in das Lager der oberschichtigen Uribe-Anhänger stecken. Mein Gott, ich war auch schon mal in Kolumbien (auch wegen meiner Ex) und, na klar, hab ich da auch nur mit den (mehr oder minder wohlhabenden) Studenten aus Bogota abgehangen. Ist doch nicht schlimm. ;-)
    Ich denke auch, dass die meisten armen Bauern z.B. im von Dir angeführten Putumayo nicht so genau über die politischen Ziele der FARC Bescheid weiss (btw. weiss das überhaupt jemand so genau??). Denen geht es um existenziellere Dinge. Was sollen sie anbauen? Wo sollen sie die Ware absetzen? Wie kommen sie über die Runden? Wer hilft Ihnen? Der Staat? Die Guerilla?

    Das Guerilla kein paritätischer Sozialverein ist, darüber brauchen wir uns wohl nicht zu unterhalten. Aber vom Staat werden die armen Seelen doch auch im Stich gelassen. Was wurde nicht alles angekündigt im Plan Colombia in Sachen alternative Wirtschaftsentwicklung (statt Kokaanbau)? Und was ist dabei herausgekommen? Was hat PLANTE bisher erreicht? Was ist mit den angekündigten Infrastrukturmaßnahmen, die den Absatz des legalen Anbauguts ermöglichen könnten? Gibt es mittlerweile eine geteerte Strasse zwischen Puerto Asís und Mocoa?

    Viele Leute werden doch vom Staat quasi in die Arme der Guerilla bzw. in den Kokaanbau getrieben. Was sollen die denn anderes machen? Ihrem Kongresabgeordneten schreiben? Diese Bevölkerungsteile werden doch marginalisiert. Ich weiss nicht, wie groß die Unterstützung der Guerilla in bestimmten Gebieten ist. Es ist dabei natürlich auch zu fragen, wie genau diese Unterstützung aussieht. Oftmals ist es nur eine Duldung oder die Wahl des geringeren Übels oder der einzige Ausweg aus wirtschaftlicher Not.

  29. 29 Eddi

    Entschuldigung Steffen,

    dachte zuerst, dass Du einer von den Hippies bist, die mit Che-Guevara-T-Shirt durch die Gegend laufen und denken, da unten im Urwald spielen ein paar coole Leute Robin Hood, indem sie den Reichen was wegnehmen und es dann an die Armen verteilen.

    Zitat “Oftmals ist es nur eine Duldung oder die Wahl des geringeren Übels oder der einzige Ausweg aus wirtschaftlicher Not.”

    Da sind wir uns einig. Deswegen findet diesen Donnerstag, den 6. März, ein Marsch gegen ALLE kriegsführenden Parteien statt. Ohne Unterstützung der Regierung, da durch diesen Marsch auch die Verbrechen von Militär und Paramilitär angeprangert werden sollen. Ohne Unterstützung der Medien, und es werden wohl auch keine Millionen teilnehmen.

    Meine alternativ eingestellten kolumbianischen Freunde, die den Marsch am 6. März mitorganisieren, behaupten jedoch, dass die Millionen Teilnehmer des Anti-FARC-Marsches vom 4. Februar direkt Uribe und die Paramilitärs unterstützt und diesen praktisch eine Lizenz zum Töten ausgestellt haben. Und diese Feststellung geht mir entschieden zu weit. Wer gegen die FARC ist, legitimiert nicht automatisch die Menschenrechtsverletzungen der Regierung Uribe und die Massaker der Paras. Das ist meine persönliche Meinung.

    Als Anfang der 90er Jahre mehrere Ausländer in Deutschland bei Brandanschlägen ums Leben kamen, wollten meine (konservativen) Eltern noch nicht mal an den Lichterketten gegen Ausländerfeindlichkeit teilnehmen, nur aus Sorge, sie könnten damit “die Linken” unterstützen. Sorry, aber “um-drei-Ecken-denken” ist nicht mein Ding!

    Das traurige an der ganzen Sache ist: Der Streit der “friedlichen” Kolumbianer, ob sie gegen die FARC oder nicht besser gegen FARC und Paras, oder besser gegen FARC und Paras und Uribe demonstrieren sollen, entzweit die Bevölkerung und lenkt vom eigentlichen Ziel ab, nämlich lebenswerte Bedingungen für alle zu schaffen.

  30. 30 Jens

    Hallo Eddi,

    das war ein sehr schöner Beitrag. Er trifft m.E. den Nagel auf den Kopf.
    Kolumbien braucht eine breite Basis, welche sich von der Gewalt als politisches Mittel deutlich distanziert. Eine Basis, die sich Regierung und FARC gleichermassen entgegenstellt und denen klarmacht: Ihr handelt NICHT in unserem Namen (z.B. nach dem Motto der letzten Tage der DDR: WIR SIND DAS VOLK).
    Deswegen denke ich, darf man die Demonstrationen vom 4F und 6M weder in eine rechte, noch in eine linke Ecke stellen, sondern muss ganz klar zum Ausdruck bringen: wir setzen uns, unabhängig von unserer politischen Gesinnung, ALLE gegen politische Gewalt ein.

  31. 31 Eddi

    Hallo Jens,

    guter Beitrag, aber eines bereitet mir Kopfzerbrechen: Auch wenn Kolumbien kein Musterbeispiel für Demokratie ist, Uribe ist ja kein Diktator, sondern ist von vielen Wahlberechtigten gewählt und auch wiedergewählt worden. Vor allem aus der Frustration heraus, dass viele die Hoffnung auf erfolgreiche Verhandlungen verloren haben. Und laut Umfragen (die natürlich manipuliert sein können) glauben 30 bis 50% der Kolumbianer, dass das Vorgehen der Paras gegen die Guerrilla gerechtfertigt ist. So nach dem Motto: Die Guerrilla war zuerst da, die haben ja angefangen.

    Ich finde es umheimlich schwierig, den kleinsten gemeinsamen Nenner auszuloten, wenn die Ablehnung von Krieg und Gewalt immer mit der Frage verbunden ist, ob man für oder gegen Uribe ist. Ich würde mir wünschen, dass die Uribe-Frage vollständig ausgeklammert würde bei der Ablehnung JEGLICHER Gewalt. Leider kommt dann von Uribe-Gegnern sofort die Anschuldigung, dass Uribe ja selber Gewalt anwendet (was niemand ernsthaft bestreiten kann), und von Uribe-Anhängern die Rechtfertigung, dass Uribe Gewalt anwenden muss, da Pastranas Verhandlungstaktik keine Ergebnisse gebracht hat (dass Pastrana leider keinen Erfolg hatte, kann auch niemand abstreiten). Man dreht sich also immer im Kreis, und es gibt nur einen Gewinner: Die wenigen Perversen, denen das “Abschlachten” richtig gehend Spaß macht, und die eigentlich in eine geschlossene bewachte Anstalt gehören.

    Leider kann ich auch keine fertige Lösung anbieten. Ich verstehe sowohl die Ungeduld der Uribe-Anhänger als auch die strikte Gewalt-Ablehnung der Uribe-Gegner, und damit setze ich mich natürlich voll zwischen alle Stühle, das ist mir klar. Trotzdem glaube ich, dass 99% der Sympathisanten und der Gegner von Uribe das gleiche wollen: Ein friedliches Kolumbien. Ich persönlich glaube nicht, dass man Gewalt erfolgreich mit Gewalt bekämpfen kann, aber ich möchte auch nicht alle Uribe-Wähler in die Para-Ecke stellen, das bringt niemandem etwas. Ich persönlich fand es z.B. abscheulich von Angela Merkel, wie sie damals als Oppositionsführerin nach Washington geflogen ist, nur um Georg W. Bush ihre Unterstützung für den Irak-Krieg zu bezeugen. Trotzdem kann und will ich nicht Millionen von CDU-Wählern als Kriegstreiber bezeichnen. So ein Schwarz-Weiss-Denken hilft immer nur den Falschen!

  32. 32 Gordis

    @ Miguel
    100% toll

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