Seit Anfang des Monats sind die Vorlesungssäale aller Öffentlichen Universitäten Kolumbiens verweist, denn die Professorinnen und Professoren streiken. Sie werden dabei von den Studentinnen, Studenten, Arbeiterinnen und Arbeitern der Unis unterstützt. Sie streiken weil am 2. Mai im Parlament ein weiterer Teil des “Nationalen Plans zur Entwicklung” (Plan Nacional de Desarrollo) verabschiedet wurde, der unter anderem neue Regelungen im Bildungsektor vorsieht.
Der P.N.D. hat eine lange Geschichte. Anfang der 50er Jahre wurde damit begonnen diesen Plan mit Unterstützung der Weltbank zu verwirklichen. Seitdem wurde er von den sich abwechselnden Regierungen stufenweise in die Tat umgesetzt. Der Plan zur Entwicklung soll laut offiziellen Formulierungen die Konkurrenz erhöhen, den Wettbewerb stärken und mehr auf die Eigenverantwortung der Kolumbianerinnen und Kolumbianer setzen. Dies erstreckt sich auf alle Bereiche der Gesellschaft: Gesundheit, Föderale Solidarität, Strom- und Wasserversorgung, Umweltfragen und eben auch auf die Bildung.
Diese Entwicklung wird in erster Linie durch umfangreiche Privatisierungen von öffentlichem Eigentum verwirklicht. In den meisten Fällen sind die potenten Käufer ausländische Unternehmen, die auf diese Weise einmalig große Geldsummen in die Staatskasse spülen. Öffentlichen Einrichtungen sind nach dem Verkauf jedoch gezwungen Profite für die Investoren zu erwirtschaften, damit sich das Geschäft lohnt. Dass diese Zeche langfristig vom kolumbianischen Volk gezahlt werden muss, zeigen schon jetzt die Ergebnisse der Privatisierung der Stromversorgung – regelmäßige Stromausfälle und steigende Preise. Mit dieser Politik folgt Kolumbien dem neoliberalen Kurs, den die Weltbank, unter der Leitung der USA, diktiert.
Mit dem “P.N.D. 2006-2010” hat sich die Regierung Uribe ein ehrgeiziges Ziel gesetzt. Lange Zeit wurde über die aktuellen Gesetze gestritten, doch am 2. Mai wurden sie vom Parlament verabschiedet.
Besonders der Artikel 38 ist es, der die Studentinnen und Studenten nun auf die Barrikaden treibt. Er sieht vor, dass die Pensionen der Professorinnen und Professoren in Zukunft zu 3 Prozent aus dem Etat der Universitäten bestritten werden sollen. Drei Prozent klingt nicht viel, doch laut des Präsidenten der “Universidad Nacional Bogota”, Moisés Wasserman, würden sich die Kosten für seine Einrichtung pro Jahr auf 90 Millionen Pesos belaufen (ca. 33.000 Euro) was eine direkte Kürzung der Lehrmittel nach sich zieht oder die Universität muss, wenn sie ihren Standart halten will, Immatrikulationgebühren von den Studentinnen und Studenten verlangen. Schon heute können sich nur wenige Jugendliche aus ärmeren Verhältnissen ein Studium leisten, doch mit diesem Schritt wäre höherklassige Bildung endgültig den privilegierten Schichten vorbehalten. Mit diesem Gesetz unterhöhlt die Regierung Uribe das Abkommen, dass der Staat für die Bildung seiner Bürger sorgen muss.
Am Dienstag der vergangenen Woche fanden in allen Universitätsstädten Kolumbiens große Demonstrationen statt. In Bogota beteiligten sich mehrere tausend Menschen an einem Marsch, ausgehend von der “Universidad Nacional” durch die Innenstadt bis zum zentralen Platz “Plaza Bolivar” in direkter Nachbarschaft des Präsidentenpalastes. Auf der großen Kundgebung protestierten die Studentinnen und Studenten friedlich, denn sie ließen sich glücklicherweise nicht von Tränengasgranaten provozieren, die die Polizei ohne ersichtlichen Grund abschoss.
Im Laufe der letzten Woche hat sich die Lage jedoch zugespitzt. In der U.N. Bogota, blockieren Studenten aktuell ein zentrales Verwaltungsgebäude und verhindern die Ausgabe von Examenergebnissen. Wenn die Blockade weiterhin durchgesetzt wird, sind die Semesterwertungen in Gefahr.
In Bucaramanga im Departement Santander kam es am Dienstag dieser Woche zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Studenten der “Universidad Industrial” und der Polizei, dabei wurden laut offiziellen Angaben vier Studenten und fünf Polizisten verletzt.
Die landesweite ProfessorInnen-Streiks sind vorerst bis zum 24. Mai angesetzt, doch bereits jetzt sind weitere Demonstrationen und Protestaktionen über dieses Datum hinaus angekündigt. Die Forderung der Studentinnen und Studenten ist klar, der Staat muss 100 Prozent der Pensionen übernehmen. Solange die Regierung nicht einlenkt, werden die Professorinnen und Professoren ihre Arbeit wohl nicht wieder aufnehmen.
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Hallo Erik,
schön soetwas im Netz gefunden zu haben, was mich sofort animiert auch meinen Senf dazuzugeben…
Ist eigentlich nur eine kleine Präzisierung:
Die Studierenden der Nationaluni bezahlen auch jetzt schon Immatrikulationsgebühren bzw. Semesterbeiträge und zwar abhängig vom Einkommen/Besitztümern ihrer Eltern. Das heißt die armen der Ärmsten können schon für wenige tausend Pesos im Semster studieren und die besser Betuchten müssen auch schon mal mehrere Milionen auf den Tisch legen. (Habe leider keine konkreten Zahlen, das nur so im Laufe der Zeit am Rande mitgekriegt). GErade deswegen ist die Nationaluni eine der wenigen Orte, wo sich junge Menschen der ärmeren Bevölkerngskreise ein Studium (zur Zeit noch) leisten können. Finde ich eine ganz soziale Idee, die sicher auch Pate zur Lösung der deutschen Studienbegührenstreitigkeiten stehen könnte.
Was den P.N.D. betrifft, müssten u.a. diese bisher anfallenden Gebühren dann bis um das dreifache angehoben werden, damit die Uni nicht pleite geht, so wie es an der Uni Atlantico schon geschehen ist. DAvor haben vor allem die Studies Angst und ziehen damit am selben Strang wie Leitung, Lehrpersonal und Angestellte.
Viele Grüße aus der Deutschabteilung,
Diana
Hallo Erik, hallo Diana,
erst einmal danke Erik für diesen Insider Bericht. Es ist wichtig die Situation mit den Augen der betroffenen zu sehen.
Ich denke wir sind uns alle einig, Erziehung und die Mittel dafür zu priorätisieren. Kolumbien hat da eine große Bringschuld, schon seit Jahren. Mein Vater war Profesor an der Universidad Nacional und der Pedagogica und obwohl jemand der auch für die Max-Plank-Gesellschaft in Deutschland geforscht hat, nicht in der Lage von den Professoren Gehälter alleine zu leben. Dies war in den 60er und 70er Jahren, Zeiten in denen die Unis noch relativ gut standen. Die Gehälter waren nicht besonders, aber wurden pünktlich ausgezahlt. Mein Vater erzählte mir auch von seinem Leben als Student der Universidad Nacional und dass er ein Zimmer in den Studentenwohnheimen hatte. Damals hatten sie sogar einen “Butler”, der die Zimmer und das Frühstück machte. Das war in den 50er Jahren.
Ich erzähle Euch das, um eine Perspektive in die Sache zu bringen. Die finanzielle Lage der Schulen und Unis hat sich über die Jahre verschlechtert. Heute müssen viele Lehrer und Professoren auf ihre Gehälter warten oder um ihre Rente Schlange stehen. Das alles sind Probleme, die u.a. durch falsche Planung vor Jahrzehnten zu verantworten sind. Ein Staat wie Kolumbien, dessen Haushalte nicht groß sind und vor einem riesigen Berg an Aufgaben im Bereich Erziehung, Soziales, Gesundheit und Sicherheit zu bewältigen hat, kann keine Traumschlösser bauen. Dass macht die Regierung Uribes klar, manchmal zu klar für meinen Geschmack.
Ich verstehe die Befürchtungen der Studenten, aber ich weiß auch nicht woher die gewünschten Mittel kommen sollen. Wenn ein “reicher Sozialstaat” wie Deutschland, sich nicht in der Lage sieht, freien Zugang zu den Unis zu garantieren, kann ich einen armen Staat wie Kolumbien nicht vorwerfen, dass er versucht mit knappen Mitteln Einrichtungen wie die Universidades Nacionales aufrecht zu halten und auf Eigenverantwortung der Uni-Verwaltungen setzt, auch wenn es nur 3 Prozent sind.
Die Uni-Atlantico war schon vor in Kraft treten dieses Gesetzes Pleite. Dies ist ein Teil des Problems. Dem Gesetz wird die Schuld gegeben für das, was lange zurück und nun offen vor Augen liegt.