Unter dem Motto „Für die Verschwundenen, für die Vertriebenen, für die Ermordeten und für die Entführten“ fanden heute, in 20 kolumbianischen und weiteren 60 Städten weltweit, Demonstrationen zum Gedenken an die Opfer des Paramilitarismus und der Gewalt in Kolumbien statt. Allein in der Haupstadt Bogota gingen mehrere zehntausend Menschen auf die Strasse. Darunter auch die kürzlich von der Farc freigelassenen Luis Eladio Pérez, Gloria Polanco y Orlando Beltrán sowie Gustavo Moncayo (Friedensläufer) Insgesamt gingen in Kolumbien über 1 Millionen Menschen auf die Straße, um ihr Empfinden über den jahrelangen Konflikt laut auszurufen.
Das kolumbianische Volk hat heute einmal wieder (nach der Riesen-Demo im Februar) deutlich gezeigt, dass es die Gewalt und die leider immer noch anhaltenden Verletzungen der Menschenrechte durch ALLE bewaffneten Akteure entschieden ablehnt und dass sich der öffentliche Protest gegen die Gewaltakteure mehr und mehr formiert.
Leider blieben die Märsche gegen Gewalt und in Gedenken an alle Gewaltopfer in Kolumbien nicht gewaltfrei.

Hallo. Der Blog is ja echt total informativ und auf dem neusten Stand. Mir liegt allerdings noch ein besonderes Thema am Herzen, nämlich die Situation der Indigenen, die in diesem Konfliktgebiet wohnen. Die letzten Geiselnahmen hatten Bombardierungen durch die kolumbianische Armee in den Gebieten des nomadischen Nukakvolkes zur Folge. Die Nukak sind eines der letzten nomadischen Jäger- und Sammlervolkes, die überall im Amazonasregenwald leben. Das Battallion 44 der kolumbianischen FARC ermordete vor kurzem einen Nukakmann. Dadurch, dass die meisten Territorien der Nukak von der FARC besetzt wurden, werden viele gezwungen, von ihrem Land zu fliehen, da auf ihrem Territorium Gewalt und Bombenanschläge zum Alltag geworden sind. Es ist tragisch, dass die Nukak zum so genannten Kollateralschaden des Krieges geworden sind, obwohl sie überhaupt nichts mit diesem Konflikt zu tun haben.
Wir von Survival International setzten uns bereits seit Jahren für die Rechte von indigenen Völkern ein. Aus diesem Grund ist es uns ein besonderes Anliegen, dass ihr die Informationen über die prekäre Situation der Nukak aufgreifen könnt und eventuell einen Artikel darüber schreibt. Wenn Sie weitere Informationen wünscht, können ihr euch gerne an uns wenden. info@survival-international.de
Mit freundlichen Grüßen Ihr Survival Team
Liebes Survival-Team,
vielen Dank für diesen interssanten Beitrag. Das Thema, das Ihr ansprecht ist ein sehr wichtiges und wir würden gerne mehr von Euch erfahren.
Ich habe Euch bereits eine E-Mail an die angegebene Adresse gesendet.
Es würde uns sehr freue, wenn wir E-Mail Kontakt aufnehmen.
Liebe Grüsse
Nicole
Zitat: “Das kolumbianische Volk hat heute einmal wieder (nach der Riesen-Demo im Februar) deutlich gezeigt, dass es die Gewalt und die leider immer noch anhaltenden Verletzungen der Menschenrechte durch ALLE bewaffneten Akteure entschieden ablehnt…”
Das wäre schön, stimmt aber leider nicht! Aus Sicht der Kolumbianer fand am 4.2. die Pro-Uribe-Demo statt, am 6.3. die Anti-Uribe-Demo. Ich war bei beiden Märschen in Bogotá und keiner hatte eine friedliche oder versöhnliche Stimmung.
Februar: Ich sah Plakate wie “Chavez go home” und Beleidigungen gegen Piedad Cordoba. Obwohl der Marsch politisch neutral sein sollte, gab es viele Pro-Uribe-Sprechchöre. Mein Arbeitgeber gab den ganzen Tag frei, um den Marsch (und damit auch indirekt Uribe) zu unterstützen. Die Gegner des Marsches behaupteten, der Marsch wäre direkt und indirekt von der Regierung und den Paramilitärs organisiert und finanziert worden. (Halte ich persönlich für übertrieben, aber ich möchte die Spaltung in der Bevölkerung zu den Märschen beleuchten.)
März: Einige meiner besten Freunde wollten mir fast die Freundschaften kündigen, als sie erfuhren, dass ich am Februar-Marsch teilgenommen hatte. In ihren Augen hatte ich damit Uribe und den Paramiltärs einen Blankoscheck zum Morden ausgestellt! Ich bezeichne mich weder als Uribista noch Anti-Uribista, eher generell als Pazifist. Meine alternativen Freunde meinten, am 6. März wäre nun die wahre Gelegenheit zu demonstrieren. Die wahren Friedensaktivisten würden beweisen, dass ein Marsch auch ohne angebliche “Hass-Stimmung” (Hass gegen die FARC) stattfinden kann.
Diesmal musste ich mir in der Arbeit eine Ausrede einfallen lassen, da die Schulleitung die Devise ausgab, alle Schüler zu bestrafen, die wegen Teilnahme am Marsch im Unterricht fehlten. Das sage ich um zu zeigen, dass der Direktor überhaupt keinen Sinn für “Friedensmärschen” hat, sondern schlicht und ergreifend den Pro-Uribe-Marsch unterstützen und den Anti-Uribe-Marsch behindern wollte.
Als ich mich in der Septima in den Marsch einreihte, hatte ich fast schon wieder die Schnauze voll: Ich befand mich mitten in einem “Uribe asesino”-Sprechchor. Also schon wieder Tagespolitik und Links-Rechts-Grabenkämpfe anstatt einer wirklichen Absage an ALLE Kriegsparteien. Ich arbeitete mich etwas weiter vor im Marsch und geriet nun in einen “Yankees fuera”-Sprechchor (“Amis raus”). Zwar bin ich der US-Außenpolitik gegenüber sehr kritisch eingestellt, aber auf keinen Fall wollte ich im Fernsehen in einem Sprechchor auftauchen, der irgendeine Nationalität diskriminiert, denn “Yankees” sind nicht nur Bush & Co, das sind auch normale US-Bürger, und das geht mir entschieden zu weit. Das hat mit Frieden nichts mehr zu tun, das ist fast schon ein Aufruf zur Gewalt!
Also löste ich mich ganz aus dem Marsch und ging auf dem Bürgersteig weiter. Zwischen der Calle 26 und dem Platz Simon Bolivar bekam ich dreimal das Flugblatt der “Brigadas Anti-Imperialistas” in die Hand gedrückt. Darauf werden die Gewalttaten der FARC als notwendig gerechtfertigt. Zitat “…las FARC, que aunque está lejos de representar los intereses del pueblo sà está en el corazon de sectores importantes de éste por mantener su oposición violenta al régimen.”
Na, schönen Dank! Ich entfernte mich von dieser Ansammlung von Spinnern, um ein Mittagessen zu mir zu nehmen. Dabei stieß ich auf einen völlig durchgeknallten Demonstranten, der am Straßenrand stand und immerzu rief: “Die Briten kontrollieren die FARC! Der CIA steckt hinter den FARC!” Das war das letzte, was mir noch gefehlt hatte. Eine Diskussion, ob der CIA das Weltgeschehen kontrolliert.
Seither habe ich es vermieden, mit Kolumbianern über diese Märsche zu sprechen. Denn es geht nie um Frieden, es artet immer sofort in erbitterte Pro/Anti-Uribe-Diskussionen aus. Also ich habe davon die Schnauze gestrichen voll.
Ich wünschte, es gäbe eine Form, gegen ALLE Gewaltparteien zu demonstrieren. Bei den beiden Märschen vom 4.2. und 6.3. war mir dies nicht möglich, da jeweils der politische Gegner im Vordergrund stand, und nicht das Ziel, Frieden zu erreichen.
Andere Teilnehmer mögen andere Eindrücke gewonnen haben, ich jedoch bin leider enttäuscht worden.
@Eddi: vielen Dank für deinen Kommentar. Ich finde ihn sehr interessant, da er die Märsche aus einem anderen Licht beleuchtet. Ich kann das wirklich nachvollziehen und bestätigen.
Beim 4.2. hatte ich zudem das Gefühl, dass international ein Zeichen gesetzt werden sollte. Meine Freunde können nicht verstehen, dass in Übersee oft einseitig über die Problematik der Paras berichtet wird, teilweise sogar mit der FARC sympathisiert wird und nicht gesehen wird, dass die FARC in Kolumbien jegliche Unterstützung verloren hat. Dies am 4.2. zum Ausruck zu bringen schien mir viele Leute auf die Straße zu bewegen, unabhängig ob Uribe-Anhänger oder nicht.
@André:
Klar, am 4.2. sollte der Welt gezeigt werden, dass die FARC keinen Rückhalt in der Bevölkerung haben. Dass die FARC alles andere als Robin Hood sind, wie von vielen europäischen Intellektuellen häufig behauptet.
Leider, und ich meine wirklich: leider!, hat es nicht funktioniert:
1) Die Weltpresse hat den Marsch von Millionen Kolumbianern nicht beachtet. Das liegt am Wesen der westlichen Nachrichten: Keine Tote, keine Nachrichten. Es können also 8 Millionen marschieren, völlig uninteressant. Wenn aber ein einziger Spinner einen Polizisten tötet, dann kommt es in den Nachrichten, und wenn die Demo auch noch so klein war. Was ist die traurige Lehre daraus? Wer Aufmerksamkeit erreichen will, muss Gewalt anwenden.
2) Die innerpolitischen Gegner Uribes haben genau das kritisiert: Dass sich eine breite Öffentlichkeit am 4.2. mobilisierte. Angeblich war das alles nur möglich durch Manipulationen der Regierung: Die Unterstützung durch die Botschaften auf der ganzen Welt; selbst der berühmte Facebook-Aufruf soll nicht von zwei Studenten, sondern von den Paras höchstpersönlich “gefälscht” worden sein.
3) Alle Che-Guevara-T-Shirt-Träger der Welt haben diese Argumentation dankend aufgegriffen, um die Botschaft des Marsches ins Gegenteil zu verkehren: Angeblich ist Uribe mächtig genug, 8 Millionen Kolumbianer zum Marsch zu zwingen (oder sie dafür zu bezahlen), während die restlichen 45 Millionen verängstigt im Wald ausharren in der Hoffnung, die FARC würden bald Uribe besiegen und den wahren Sozialismus installieren und Gerechtigkeit herstellen.
Ich will jetzt nicht zu negativ klingen. Die übergroße Mehrheit der Kolumbianer wollte mit den Märschen wirklich ein aufrichtiges Zeichen für Frieden setzen. Und die Märsche vom 4.2. und 6.3. waren auf jeden Fall besser, als gar nicht zu marschieren.
Ich bin lediglich traurig darüber, dass die Botschaft in der Welt so gut wie nicht angekommen ist. Und wütend darüber, wie ALLE politischen Lager versucht haben, die Märsche für ihre unbedeutenden Ziele zu MISSBRAUCHEN. Dass die Kolumbianer überhaupt die Notwendigkeit erkannt haben, die Gleichgültigkeit gegenüber dem Bürgerkrieg abzulegen, ist das eigentliche Positive der Märsche gewesen.